Geschichte des Tai Chi Chuan

Tai Chi Chuan

Tai Chi Chuan ist die Frucht eines Prozesses kollektiven Wissens- und Erfahrungsaustausches chinesischer Familien über viele Generationen hinweg.

 

Ein Prozess, der in den nebelhaften Anfängen der chinesischen Geschichte seinen legendenären Ursprung hat. Zhang Sanfeng, ein taoistischer Mönch, soll im 13. Jahrhundert Tai Chi Chuan am heiligen Berg Wudang entwickelt haben.

 

Die Familie Chen gilt historisch als erster nachgewiesener Träger dieser Tradition. Bis zur fünften Generation nach Chen Wangting (1597-1664) wurde das Tai Chi Chuan nur innerhalb der Familie weitergegeben. Erst Yang Luchan (1799-1872), ein in die Familientradition eingeweihter Familienfremder, wurde von Chen Changxing (1771-1853) als Schüler akzeptiert. Yang Luchan, der Begründer des Yang-Stils, unterrichtete später einen kleinen Zirkel von Kampfkünstlern, Soldaten und Leibwächtern des Kaisers. Hierunter befand sich auch der Mandschure und kaiserliche Offizier Wu Quanyou (1834-1902). Neben Yang Luchan lernte er auch bei dessen Sohn Yang Banhou (1837-1892). Wu Quanyou ist der Begründer des Wu-Stils. Sein Sohn Wu Jianquan (1870-1942) vollendete die Entwicklung des Stils und gab dem Wu-Stil seine langsame Form. Wu Jianquan hatte zwei Söhne Wu Gongyi (1900-1970) und Wu Gongzhao (1903-1983) sowie eine Tochter Wu Yinghua (1907-1996) die seinen Meisterschüler Ma Yueliang (1901-1998) heiratete. Aus dieser Ehe ist Ma Jiangbao (1941-2016) als Wegbereiter des Shanghai Wu-Stils in Europa, hervorgegangen. Je nach Linienhalter wird der Wu-Stil in eine südliche (Shanghai Wu-Stil) und eine nördliche Linie (Peking Wu-Stil) sowie dem Hongkong Wu-Stil unterschieden.

Dr. Jin Ye

Dr. Jin Ye (geb. 1961) ist die Ur-Enkelin von Meister Wu Jianquan, dem Gründer des Wu-Stils Tai Chi Chuan.

 

In direkter Wu-Linie wurde sie wie ihr Onkel Ma Jiangbao von ihren Großeltern Wu Yinghua und Ma Yueliang unterrichtet. Im Alter von 10 Jahren begann Sie Tai Chi Chuan in Shanghai zu praktizieren. Als sie 16 Jahre alt war, begann sie mit ihrer Großmutter Wu Yinghua mit dem Studium der umfangreichen Sammlung an Formen (Handformen, Säbel-, Lanzen und Schwertformen) sowie Partnerübungen. Im Alter von 22 Jahren lehrte sie Tai Chi in Shanghai.

 

Seit 1991 lebt und lehrt sie den Wu-Stil in Großbritannien. Der Unterricht findet regelmäßig für Klassen und auf Seminaren in England (Huddersfield, Barnsley, London) und in Deutschland (Berlin) und den Niederlanden (Leiden) für Studenten aus Großbritannien, Spanien, Italien, Deutschland, Frankreich, Dänemark und Südafrika, statt.

 

Dr. Jin Ye unterrichtet die komplette überlieferte Sammlung der Waffenformen des Wu-Stils u.a. auch die 5 doppelkantigen Schwertformen und hat neuzeitlich die sogenannte Fächerform auf Basis der Schwertform geschaffen.



Ma Jiangbao (1941–2016)

Ma Jiangbao Wu Tai Chi Chuan
Ma Jiangbao

Ma Jiangbao verstarb am 12. Oktober 2016 in Rotterdam, kurz vor seinem 75. Geburtstag am 31. Oktober. Selbst anerkannter und verehrter Lehrer war er der Sohn zweier berühmter Vertreter des Wu-Stils:  Ma Yueliang und Wu Yinghua, der Tochter des Wu-Stil-Begründers Wu Jianquan.

 

In diese angesehene Tai Chi-Familie hineingeboren, eignete Meister Ma sich ab seinem achten Lebensjahr natürlicherweise den umfassenden Tai Chi-Schatz der Wu- und Ma-Familien an; von Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten und älteren Geschwistern nahezu täglich angeleitet. Mit 16 Jahren hatte er alle Waffenformen erlernt und begann mit 19 Jahren Tai Chi zu unterrichten.


1986 kam er mit seinem Vater nach Düsseldorf und blieb dort für 2 Jahre. Danach ging er auf Einladung der chinesischen Gemeinschaft nach Rotterdam, um dort zu unterrichten. Seit Beginn seiner Unterrichtstätigkeit gelang es ihm, eine große Zahl von Schülern in ganz Europa zu gewinnen, zu begeistern und auszubilden: in Deutschland, den Niederlanden, England, Spanien, Belgien, Frankreich, Italien, Österreich, Polen.

 

Ma Jiangbao war der offizielle Europa-Repräsentant der Jianquan Taijiquan Association Shanghai (1935 von Wu Jianquan gegründet), die heute sein älterer Bruder, Ma Hailong, leitet

 

Er legte Wert darauf, den klassischen Ausbildungskanon des Wu-Stils einzuhalten, der eine Reihenfolge im Erlernen der Formen vorsah: Lange Form, Säbel, Lanze, Schnelle Form, Schwert. Tui Shou Unterricht begann nach der Langen Form, gelegentlich, abhängig von dem einzelnen Schüler, auch schon etwas früher.

Wu Yinghua (1907-1996)

Ma Yueliang (1901-1998)


Wu Jianquan gründete 1935 den Jianquan-Tai Chi Chuan-Verband in Shanghai, in dem er der erste Verbandsvorsitzende und seine Tochter Wu Yinghua und sein Schwiegersohn Ma Yueliang stellvertretende Vorsitzende waren. Im Jahr 1942 als Wu Jianquan verstarb wurde der Jianquan-Tai chi Chuan-Verband mit Sitz im YMCA-Gebäudes in Shanghai erst von Ma Yueliang und dann von Wu Gongyi, dem ältesten Sohn Wu Jianquans, geleitet. Neben seiner Tochter Wu Yinghua hatte Jianquan zwei Söhne; Wu Gongyi und Wu Gongzhao, die den Wu-Stil in ganz Südostasien und Nordamerika einführten und deren Nachfahren bis heute dort das Wu-Stil Tai Chi Chuan unterrichten.

 

Wu Jianquan Tochter Wu Yinghua fing im Alter von neun Jahren an bei ihrem Vater Tai Chi zu lernen. Nach vielen Jahren harten Trainings assistierte sie im Alter von 17 dem Vater beim Tai Chi Unterricht und unterrichtete am Institut für Kampfkünste in Peking. Mitte der 20er Jahre ging sie auf Einladung der Firma Siemens nach Shanghai und unterrichtete dort an verschiedenen Stellen. Wu Yinghua gehörte zu den besten Wu-Stil Tai Chi Meistern der dritten Generation. Sie brachte die besonderen Eigenschaften des Wu-Stils, Leichtigkeit, Gewandtheit und Geschmeidigkeit, bestens zum Ausdruck.

 

Ma Yueliang der Schwiegersohn von Wu Jianquan entdeckte bereits als Kind seine Vorliebe für das Wushu und erlernte verschiedene Stile der Kampfkünste. Bei Wu Jianquan lernte er Tai Chi Chuan und spezialisierte sich auf den Wu-Stil. Ma Yueliang beschäftigte sich nicht nur intensiv mit der Lehre und Verbreitung des Tai Chi Chuan, sondern auch mit der medizinischen Forschung. Er arbeitete an der Xiehe-Klinik in Peking, besuchte die Xiehe-Medizinischen-Hochschule und machte dort seinen Abschluss. 1929 wurde Ma Yueliang an die Medizinische Hochschule in Shanghai gerufen und leitete dort die Analyse-Abteilung.

 

Wu Yinghua und ihr Mann Ma Yueliang verbreiteten den Wu-Stil bis in die 90er Jahre in China. Sie unterrichten ebenfalls lange im Ausland und haben damit einen großen Beitrag zur Verbreitung des Wu-Stils auch außerhalb von China, wie z. B. in Europa, Australien, Neuseeland, Indonesien und Philippinen, geleitstet. Zu Lebzeiten haben sie hintereinander mehrere Bücher zum Wu-Stil Tai Chi Chuan verfasst und herausgebracht. Wu Yinghua und Ma Yueliang waren viele Jahre Berater, Mitlieder und Ehrenmitglieder in verschieden Verbänden und Forschungsinstituten.

 

Wu Yinghua ist im April 1996 und Ma Yueliang im März 1998 in Shanghai verstorben.

 

Tai Chi Chuan geht an die Öffentlichkeit

Nach dem Fall des Kaiserhauses im Jahre 1911 - China wurde eine Republik - lud 1912 die Forschungsgesellschaft für Leibeserziehung die großen Meister dieser Zeit wie Wu Jianquan, Yang Chengfu, Yang Shaohou und Sun Lutang nach Peking ein, um Tai Chi Chuan zu lehren.

 

Ein Wendepunkt, an dem Tai Chi Chuan an die Öffentlichkeit ging und den zuvor strikt privaten Bereich der Familie verließ. Nachdem die Zahl der Schüler sehr schnell anstieg, bekamen die Stile ihre offiziellen Namen.

 

Die fünf bekannten Familienstile des Tai Chi Chuan – Chen, Yang, Wu, Wu (Hao) und Sun – entwickelten sich letztendlich aus einem gemeinsamen Ursprung.

Stammbaum Wu Tai Chi Chuan

Weitere stilübergreifende Informationen rund um Tai Chi Chuan finden Sie auf den folgenden Webseiten:

Auf diesem Portal finden Sie Informationen für Anfänger und Fortgeschrittene rund um die Themen Tai Chi und Qigong wie Tipps zur Wahl des Lehrers und des Stiles, Fachartikel sowie wissenschaftliche Studien über den Gesundheitsaspekt der Übungen.

Internetseite für Qigong, innere Kampfkünste (Aikido, Baguazhang, Tai Chi Chuan, Xingyiquan, Yiquan), innere Alchemie, Yoga und Zen.